03. November

GB 1986
Regie: Ken Russell
87 Min., 35mm, DF
Mit Gabriel Byrne, Myriam Cyr, Natasha Richardson, Julian Sands, Timothy Spall u.a.

Ken Russell (1927-2011) war „the wild man of British cinema, the apostle of excess, the oldest angry young man in the business“ (Derek Gordon, The Guardian). GOTHIC ist seine opulente, psychedelische, anspielungsreiche Hommage an die schwarzromantische Literatur.

Im von Temperaturanomalien und Missernten geprägten Jahr 1816 treffen sie in einer Villa am Genfer See aufeinander: Der Dichter und Lebemann Lord Byron und sein Leibarzt, John Polidori; Poetenkollege Percy Bysshe Shelley samt Verlobter Mary Godwin; Marys exzentrische Stiefschwester Claire Clairmont. Unter der Regie Byrons, berauscht von der Modedroge Laudanum, vertreiben sie sich die Stunden mit Schauergeschichten, Ränken, Sexspielen und Séancen und loten dabei persönliche Obsessionen und Ängste aus. Zur erotisch aufgeladenen, unheimlichen Atmosphäre des Films trägt auch der Soundtrack von Synthiepopmusiker Thomas Dolby bei. Was letztendlich Traum ist und was Wirklichkeit – wer mag das wissen in solchen Zuständen entfesselter Fantasie(n)?

Die schicksalshafte Begegnung schrieb Literaturgeschichte – neben der noch im selben Jahr erschienenen Novelle „Der Vampyr“ Polidoris vor allem durch „Frankenstein, oder: Der moderne Prometheus“ (1818). Mary Shelleys Roman über das von Menschenhand erschaffene Monster begründete ein eigenes filmisches Genre und ist ein Meilenstein fantastischer Literatur und der Gothic Fiction – eines, „das auch den Schmerz und die Abgründe des kreativen Prozesses thematisiert.“ Nina Darnton, New York Times

Heute besitzen Film und Regisseur Kultstatus. Die zeitgenössische Resonanz allerdings war durchwachsen, auch wegen GOTHICs respektlosem Umgang mit romantischem Dichterkult und massentauglicher Literaturadaption („Zimmer-mit-Aussicht“-Beau Julian Sands als mimosenhaft-paranoider Percy Shelley). Sands wiederum wetterte in einem Interview gegen die tradierte „viktorianische Schönfärberei“ und wollte die historischen Akteur_innen stattdessen als „subversive, anarchische Hedonisten“ verstanden wissen, die „eine eigene Art der Amoralität lebten„. Immerhin erhielt GOTHIC zwei Preise bei den International Fantasy Film Awards 1987 und wurde für einen weiteren nominiert.

Trailer